Wie hat sich Oelixdorf in den letzten 200 Jahren verändert?

Wie wir bereits gesehen haben, wird über Jahrhunderte ein Teil der Gemarkung gemeinschaftlich genutzt. Diese von der Dorfgemeinde gemeinsam genutzte Fläche bezeichnen wir als Allmende. Außerdem besteht noch der Flurzwang. Das heißt, alle Bauern müssen sich im Rahmen der Dreifelderwirtschaft an die Fruchtfolge und an das gleichzeitige Pflügen, Säen und Ernten halten. Kein Bauer soll sich einen Vorteil verschaffen, indem er beispielsweise eine andere als die vereinbarte Ackerfrucht anbaut. Außerdem will man Flurschäden durch Betreten oder Überfahren der Äcker vermeiden. Feldwege sind, abgesehen von Verbindungswegen von Ort zu Ort, noch nicht vorhanden. Lediglich die durch die Felder zur Weide führenden Viehtriftwege werden durch Holzzäune gesichert. Da die einzelnen Flurstücke verstreut liegen, ist die Bewirtschaftung schwierig und nicht besonders ertragreich.

Das alles ändert sich ab Ende des 18. Jahrhunderts ."Verkoppelung" heißt das Zauberwort. Das bis dahin genossenschaftlich genutzte Acker-, Weide- und Wiesen land wird privatisiert und der Streubesitz weitestgehend arrondiert, d. h. zusammengelegt. Zugleich ändert sich auf Grund königlicher Anordnung in den nächsten Jahrzehnten das Landschaftsbild. Die Hofbesitzer müssen jetzt ihren Besitz abgrenzen. Da hölzerne Zäune zu aufwändig und Drahtzäune noch nicht in Mode sind, bieten sich als Alternative lebende Hecken an.

Solche Knicks bzw. Wallhecken bestehen aus Steinen, Baumstubben und Erde und werden in der Regel mit Haselsträuchern bepflanzt. Alle sieben Jahre müssen die Sträucher auf dem etwa ein Meter hohen Erdwall "geknick1" werden, indem man die Schösslinge eine Handbreit über dem Boden abknickt, um einen dichteren Bewuchs zu erhalten. Nicht geknickt werden einzelne große Bäume wie Eichen oder Buchen.

Mit zunehmender Intensivierung der Landwirtschaft bilden die Knicks ein Hindernis und werden beseitigt. Dem soll schon 1935 eine Wallheckenverordnung entgegenwirken. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt die Flurbereinigung in den 1960er und 1970erJahren die Knickverluste.



Daher nimmt 1973 die Landesregierung den Knickschulz in das Landschaftspflegegesetz auf, und seit 1996 gibt es eine "Knickverordnung".

Wie die Knicklandschaft in der Oelixdorfer Gemarkung aussieht, kann jeder bei einer Wanderung selbst erkunden.

Vor der Verkopplung bestimmen zwei soziale Schichten das gesellschaftliche Leben: die Hufner als Landbesitzer und die niedrigere Schicht der Kätner. Bedingt durch das Erbrecht erhalten jüngere Hufnerssöhne kein Land und sie müssen entweder auf dem Stammhof Dienst tun oder sich durch den Bau einer KatensteIle selbständig machen. Wer kein Geld für den Bau einer Kate hat, muss irgendwo als "Mietling" wohnen und sich als Landarbeiter oder Tagelöhner verdingen.

Die eigentlichen Verlierer der Verkoppelung sind die Kleinkätner, denn die Gemarkungsfläche ist nun in privateigene Flächen aufgeteil!. Damit entfällt für sie die Möglichkeit, die Gemeinweide gegen ein geringes Entgelt weiterhin zu nutzen. Die Bevölkerung indes wächst an. 1803 werden 292 Personen gezählt, 1867 sind es schon 470. Der Anteil der Kätner und der landlosen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist bereits höher als die Zahl der Hufner einschließlich derAltenteiler. Hinzu kommt, dass wegen der zunehmenden Arbeitsteilung auf dem Land die bäuerliche Eigenversorgung zurückgeht. Damit eröffnet sich den Landlosen sowie den Kätnern, bei denen die Landwirtschaft kaum das Existenzminimum deckt, die Möglichkeit, auf Gewerbe und Handwerk umzusteigen. Schon 1803 sind in Oelixdorf ein Grützmacher, zwei Tischler, zwei Schuster, ein Weber, ein Fischer, ein Schneider und ein Maurer tätig.
Arbeitsplätze in Gewerbebetrieben sind allerdings nicht von langer Dauer. Das betrifft sowohl die 1828 angelegte Ziegelei als auch die Ende der 1870er-Jahre eingestellte Kalkbrennerei. Mehr Glück ist der Spatenschmiede Baack beschieden, die 1978 ihr hundertjähriges Bestehen feiern kann.
Nach 1905 sinkt die Einwohnerzahl wieder. Jetzt macht sich verstärkt der Einfluss von Itzehoe wegen seiner besseren Verkehranbindung und der Industrialisierung bemerkbar.

Die Siedlungsstruktur ändert sich über die Jahrhunderte nur wenig. Oelixdorf bleibt praktisch bis zum Zweiten Weltkrieg ein kleines Haufendorf. 1867 ergibt die Gebäudezählung 79 Wohnhäuser und 46 andere Gebäude, wozu auch die Schule, das Armenhaus sowie Scheunen und Ställe gehören.


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verändert sich die Wohnsituation dramatisch. 1939 hat Oelixdorf 496 Einwohner, 1946 sind es 1349 Einheimische, Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte. Die räumlichen Verhältnisse sind mehr als beengt und werden auch durch Baracken gegenüber dem Kurhaus und am Weinberg nicht gemildert. Doch schon 1950 entstehen am Bastener Weg die ersten Siedlungshäuser. Von nun an geht es in schneller Folge weiter. Neue Baugebiete werden am Kalbsberg, in Kallenkuhl, Nöthen, im Sürgen, am Bastener Weg und am Haselweg erschlossen. 1971 nimmt das Haus am Bornbusch - ein Alten- und Pflegeheim - den Betrieb auf.

Es folgt eine Zeit relativer Bauruhe, in der vorrangig Baulücken geschlossen werden. Ab 2001 beschleunigt sich der Besiedlungsprozess wieder. Wriethen wird mit 39 Baugrundstücken erschlossen, und nach dem Abbruch des lange leer stehenden Asylbewerberheims entsteht auf dem Gelände zwischen Chaussee und Hinterm Bornbusch ein neues Wohngebiet.

Da sich die Pläne für ein neues Haus am Bornbusch - nach Abriss der 2008 noch bestehenden Gebäude - zerschlagen haben - existiert nun ein Vorenlwurf für die Bornbusch-Bebauung mit 35 bis 40 Wohneinheiten.



Der wirtschaftliche Strukturwandel in Deutschland macht allerdings auch vor Oelixdorf nicht Halt. 1936 gibt es noch 24 sog. landwirtschaftliche Volierwerbsbetriebe, 2008 nur noch drei. Poststelle und Polizeistation fallen der Rationalisierung zum Opfer, Kaufmannsläden und Geldinstitute verschwinden, mit einer Ausnahme, aus dem Ortsbild. Geblieben sind noch einige wenige Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe.

Oelixdorf hat sich in wenigen Jahrzehnten von einem Bauerndorf zu einer attraktiven, stadtnahen Wohngemeinde entwickelt, wie die steigenden Einwohnerzahlen beweisen. Die Begehrlichkeiten Itzehoes hinsichtlich einer Eingemeindung werden hoffentlich nicht weiter verfolgt.

Was aber macht den Charme eines kleinen Dorfes aus? Es kann ja sicher nicht das Wohnen im Grünen allein sein. Der Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft wird auch sichtbar an der Zahl und Aktivität der Vereine und Verbände. Sie wirken identitätsstiftend. In ihrer Vielfalt übernehmen sie verschiedene Aufgaben, verfolgen jedoch das gemeinsame Ziel, das gemeinschaftliche Leben mit zu gestalten und stärken. Zur Vereinsarbeit gehören natürlich Organisationsarbeit und die Mitwirkung von ehrenamtlichen Mitarbeitern, und da ist Oelixdorf gut positioniert. Überhaupt hat Oelixdorf sich in den vergangenen 650 Jahren trotz aller Fährnisse "gut gehalten", so dass der Grund zum Feiern mehr als berechtigt ist.

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